Alfred Hrdlicka:
Gegendenkmal

Alfred Hrdlicka: Der Feuersturm, (Foto: KUNST@SH/Jan Petersen, 2018)

Daten zum Werk

Alfred Hrdlicka: Gegendenkmal
(1985-86, Bronze, Marmor, Granit)
Stephansplatz / Dammtordamm, 20354 Hamburg (Neustadt)

Beschreibung

Alfred Hrdlickas Gegendenkmal am Hamburger Dammtor ist eine künstlerische Reaktion auf das 1936 am gleichen Ort eingeweihte 76er-Denkmal von Richard Emil Kuöhl. Ein großer Teil seiner Wirkung erklärt sich daher auch aus dem inhaltlichen und formalen Kontrast zwischen den beiden nebeneinander stehenden Objekten. Kuöhls Denkmal in der Sprache des Nationalsozialismus ist spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs heftig umstritten, doch ein Abriss wird mehrfach verhindert. Mit der Zeit setzt sich die Ansicht durch, dass eine Zerstörung der falsche Weg sei und man lieber ein zweites Werk mit entgegengesetzten Botschaften zum direkten Vergleich anbieten solle.

Das 76er-Denkmal ist ein monolithischer Block mit einem umlaufenden Relief. Hrdlickas Gegendenkmal ist eine fragmentierte, aus vielen Teilstücken und unterschiedlichen Materialien bestehende Arbeit. Während Kuöhls Werk eine klare und reduzierte Sprache spricht, lässt sich Hrdlickas Arbeit nicht mit einem Blick erfassen, sondern erfordert die genaue Erforschung der Einzelteile. Kuöhl will durch die schiere Kraft der Masse überwältigen und zeigt eine anonyme und einschüchternde Gruppe von Soldaten mit geschulterten Gewehren. Auch Hrdlicka will die Betrachter überwältigen, allerdings ganz anders: Ihm geht es um die emotionale Anteilnahme am Leid und Schrecken. Er zeigt schonungslos einzelne Personen, die im Meer ertrinken und im Feuer verbrennen.

Alfred Hrdlickas Gegendenkmal ist als ein Arrangement geplant, das das Sterben der Menschen in vier unterschiedlichen Stationen darstellt: Hamburger Feuersturm –  Fluchtgruppe Cap ArconaSoldatentodFrauen im Faschismus. Aufgrund der hohen Produktionskosten werden nach umfangreichen Diskussionen allerdings nur die ersten beiden Stationen realisiert, sodass das Mahnmal bis heute unvollständig ist. In der ursprünglichen Konzeption soll die Form eines zerborstenen Hakenkreuzes gebildet werden.

Als erste Station wird am 8. Mai 1985 – vierzig Jahre nach Kriegsende – der Hamburger Feuersturm eingeweiht und erinnert an die Zerstörung Hamburgs im Bombenhagel. Wie eine ausgebrannte Ruine ragt eine Bronzewand mit herabstürzenden Teilen in die Höhe, vor sich die Leichen verbrannter Menschen. Nicht weniger drastisch ist die Darstellung in der zweiten Station: In einem Marmorblock auf Granitsockel sind die verrenkten Körper ertrinkender Menschen unter wogendem Wasser zu erkennen. Wenige Tage vor Kriegsende werden wegen der anrückenden Alliierten massenhaft KZ-Häftlinge auf dem ehemaligen Passagierdampfer Cap Arcona eingeschifft. Als das Schiff von britischen Bombern angegriffen wird, sterben die meisten der 7500 Menschen an Bord.

Künstler/in

Alfred Hrdlicka wurde am 27. Februar 1928 in Wien geboren. Der spätere Bildhauer, Zeichner, Maler, Grafiker, Schachspieler, Bühnenbildner und Schriftsteller wuchs in einer politisch unruhigen und gewalttätigen Zeit auf, in der er 1938 den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erlebte. 1946–1952 studierte er an der Akademie der bildenden Künste Wien Malerei bei Josef Dobrowsky und Albert Paris Gütersloh und anschließend bis 1957 in der Bildhauerklasse von Fritz Wotruba. Seine erste Ausstellung „Skulptur, Malerei und Graphik“ fand 1960 in der Zedlitzhalle Wien statt; später waren seine Arbeiten auch international zu sehen. 1962 schloss er sich der Wiener Secession an. 1964 nahm er als Vertreter Österreichs an der 32. Biennale in Venedig teil. Im Jahre 1969 wurde in der Albertina, Wien eine umfassende Ausstellung seines grafischen Werkes, 1985 eine Retrospektive an der Akademie der Künste im damaligen Ost-Berlin gezeigt. In den 1970er Jahren wurde er an die Akademie der bildenden Künste, Stuttgart und an die Staatliche Hochschule für bildende Kunst, Hamburg berufen, gefolgt 1986 von einer Berufung an die Hochschule der Künste, West-Berlin sowie 1989 an die Universität für angewandte Kunst, Wien. Seine ausdrucksstarken, teils provokant und verschlüsselt wirkenden Kompositionen setzten sich mit Themen wie Krieg, Mord, Politik und Religion, das menschliche Scheitern in Vergangenheit und Gegenwart sowie psychischen Grenzsituationen auseinander. Dabei formulierte er seine Maxime u.a. mit „keine Kunst ohne Aussage und Stellungsbezug“. In vielen Zeichnungen und Radierungen wendete er dies auf historisch, literarisch und künstlerisch bekannte „Halbgötter“ an. Daneben entstanden Texte und Bühnenbilder zwischen 1982 und 2002 u.a. in Bonn, Stuttgart, Köln, Meiningen und Salzburg. Alfred Hrdlicka starb am 5. Dezember 2009 in Wien.

Weitere Informationen (extern):Website Wikipedia

Galerie

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